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Nur tauchen, reisen, schreiben, Teil I

Nur tauchen, reisen, schreiben, Teil II

Ein Helmtaucher
erzählt

Mit selbstgebauten Schwimmflossen, Tauchgeräten und Kameragehäusen

Mein erstes Wort war Pinguin

Tauchen im Eismeer

Hans Hass - Erster in allen Meeren

 

 

Einige Bilder aus: "Tauchen im Eismeer" (im Buch leider nur in Schwarzweiß)

Adeliepinguin

Abtauchender Zügel-
pinguin

Probensammeln am Grund

Seeigel und Seescheide

Ein Seeleopard wird seziert

Krabbenfresser im Taucherloch

Abschied von den Pinguinen

Alle Fotos: Martin Rauschert


Tauchen im Eismeer - Überwinterung in einer russischen Antarktisstation (Mein Leben ist nur Hobby!, Band II)

Martin Rauschert     Kapitelübersicht  -  Leseprobe  - Kurzbiografie     |  nach unten


Erstauflage/Edition 2013, 188 Seiten DIN A4 mit ca. 200 Schwarz-Weiß-Fotos, 1 Zeichnung, 1 Karte. Softcover mit farbigem Einband. ISBN 978-3-937522-36-4, gebundener Ladenpreis € 18,80     |  Bestell-E-Mail


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Der promovierte Biologe Dr. Martin Rauschert gehört mit zu den ersten und aktivsten Sporttauchern in der DDR. Seine Interessen an Biologie, Fotografie und Tauchen verschmelzen schließlich zu einem Beruf mit vielerlei Facetten. Im Dezember 1980 steigt Martin Rauschert mit zwei Kollegen in den Flieger nach Leningrad, um das Polarforschungschiff „Zubov“ zu erreichen, das bald in Richtung des Südpolargebietes in See sticht. Ziel: Bellingshausen. Hier in der russischen Antarktisstation wird Rauschert, neben biologischen Forschungen, auch für Taucherarbeiten und Bilddokumentationen zuständig sein. Und erst im April 1982 sehen ihn Frau und Kind wieder! Dazwischen liegen harte Monate des Lebens in der relativ abgeschlossenen Welt der russischen Antarktisstation. Martin Rauschert berichtet über Alltagsprobleme wie auch über abenteuerliche Tauchgänge, über Begegnungen mit der beeindruckenden antarktischen Tierwelt, von atemberaubenden Landschaftsbildern, von Exkursionen über Eis und Schnee wie auch von Stürmen, schlechtem Essen und allgegenwärtigem Suff. Emotionale Konflikte sind fast genauso alltäglich wie technische Havarien. Die eisigen Regionen erfordern eben ihren Tribut von Menschen und Material. Aber sie scheinen auch Belohnungen bereitzuhalten. Denn kaum von der Reise zurück, bewirbt sich Martin Rauschert für eine neue Antarktisüberwinterung …

 

Die Kapitel

Inhaltsverzeichnis - Wie alles begann -  Das erste Vierteljahr 1981 - Das zweite Vierteljahr (Winterbeginn) 1981 - Das dritte Vierteljahr (Winter) 1981 - Das vierte Vierteljahr (Sommerbeginn) 1981 - Ein neues Jahr und die Heimreise  - Unser „Aktionsgebiet“: Karten und Bilder  - Anhang des Herausgebers: Über den Verlag Norbert Gierschner         nach unten     nach oben
 

Leseprobe

Donnerstag, 04.06.
Es ist weniger Eis angetrieben, als ich vermutete. In Ufernähe liegen einige Meter Eisbrei und in der ganzen Bucht driften Treibeisschollen. Der Wind ist auf 7 m/s abgeflaut und die Temperatur auf minus 7 °C gestiegen. Also auf zum Tauchen! Um 11 Uhr zog ich zusammen mit Hans als Signalgast los. Es war eine lausige Eispampe, durch die ich zunächst mühselig watete. Schließlich tauchte ich in das Drifteis und schwamm gemächlich unter den Eisbrocken im flachen Wasser umher.

Hans signalisierte mir wiederholt durch 5 kurze Leinenzüge, ich solle zurück­kommen. Ich quälte mich mit dem Kopf durch die Eisbrocken und er wies mich auf einige Krabbenfresser-Robben hin, die sich in der Ufernähe umhertrieben. Ich winkte ab, er solle sich keine Sorgen machen und schwamm weiter hinaus. Immer mehr Leine wickelte sich ab. Zunächst hatte ich mich an Nahaufnahmen von Amphipoden versucht, dann fand ich zunehmend häufig die Riesenasseln Glyptonotus. An einem Seeigel saßen 5 bis 6 von ihnen. Leider konnte ich die Gruppe nicht fotografieren, meinen Einstellknauf hatte ich verloren. Später fand ich einen Algenstrunk voller Glyptonotus und Nemertini. Doch wieder nur Nahaufnahmen möglich. In weitem Bogen schwamm ich unter dem Treibeis in 6 bis 7 m Tiefe über muddigen Grund, sammelte Amphipoden und Asseln. Geruhsam machte ich mich dann auf den Rückweg.

Die Sicherheitsleine sah ich nicht mehr, spürte auch nichts von ihr und vermutete, sie hätte sich von mir gelöst. Nach ihr suchend, blickte ich mich um und bemerkte in der Ferne einen dunklen Schatten. Nanu, war hier ein weiterer Taucher im Wasser? Nein, die Silhouette einer Robbe konnte ich schemenhaft erkennen. Man begegnet ihnen nicht so oft und auch jetzt war sie bald wieder aus meinem Blickfeld verschwunden. Da sie mich leider gewahrte, würde die Robbe kaum wieder erscheinen. Robben scheuen unter Wasser die Nähe des Menschen. Etwa 200 m sind es noch bis zum Ufer. Ich trödle über den Grund nach Hause zurück. Doch dann erblicke ich die Robbe näher. Sie umkreist mich viel dichter als beim ersten Mal mit eleganten Schwimmbewegungen, besitzt einen riesigen, glatten dunklen Körper mit großen Potschelflossen, einen Respekt einflößenden mächtigen Kopf und märchenhaft große, weit aufgerissene Augen. Ihr herrlich geflecktes Fell fällt mir auf. Ein riesiger See­leopard inte­ressiert sich für mich! In zunächst wei­ten, doch zunehmend engeren Kreisen um­schwimmt er mich. Ich er­schrecke furchtbar!

Aus der Literatur weiß ich, dass bisherige Begegnungen zwischen Leopar­den­robben und Tauchern nicht immer harmlos verlaufen sind. Wie wird dieses Tier reagieren? Verschiedene Be­schreibungen schießen mir durch den Kopf. Während Shackletons Südpolarexpedition war einer seiner Männer auf dem Eis von einem Seeleo­parden verfolgt worden.
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Ein amerikanischer Pinguinspezialist schilderte den Angriff eines dieser Meeresraubtiere. Er stand neben einer breiten Spalte auf dem Meereis, als plötzlich neben ihm eine Leopardenrobbe aus dem Wasser tauchte und nach seinem Bein schnappte. Mehrere Revolverschüsse vertrieben den Angreifer, der drei Tage später in Stationsnähe durch eine Ge­wehrkugel erlegt wurde. Möglicherweise hatte der Seeleopard in dem Menschen einen überdimensionalen Pinguin gesehen. Pinguine gehören zu seiner Vorzugsbeute. Unter Wasser ist es sicherlich seine ganz normale Neugier, die ihn treibt, ein unbekann­tes Lebewesen näher zu betrachten, das in sein Revier eindringt.

In den Sechzigerjahren arbeiteten sowjetische Wissen­schaftler in der Nähe der Station Mirny unter Wasser. Ein Mitglied der Gruppe hatte das beson­dere „Glück“, fast regelmäßig bei seinen Einstiegen einem Seeleopard zu begeg­nen. Obwohl sich die Robbe keinesfalls aggressiv zeigte, zog es der Tau­cher in diesen Fällen vor, das Wasser mit klopfen­dem Herzen schnellstens wieder zu verlassen.

Da ist aber auch der Bericht eines Engländers: Er beschrieb mir recht anschaulich, wie er mit sei­nem Kameraden unter Wasser arbeitete, als plötzlich ein Seeleopard erschien, der seinem Tauchkamera­den einen so heftigen Rammstoß gegen den Kopf versetzte, dass der Taucher die Besinnung verlor und aus dem Wasser transportiert werden musste. Ein anderer Taucher berichtete von einem Seeleo­parden, der sich ihm genähert hatte und vorsichtig seinen durch den Taucheranzug nur unzulänglich geschützten Arm, wie zum Abschmecken zwischen die mächtigen Kiefer nahm. Offensichtlich war die Geschmacksprobe negativ ausgefallen, denn der Taucher konnte uns davon berichten.
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Ich weiß auch, dass Seeleoparden andere Robben an­fallen. Schon Filchner beschrieb die Funde großer Stücke Robbenfleisches in den Mägen solcher Meeres­raubtiere. Drei Franzosen teilten uns ihre Verwunde­rung mit, in einem erlegten Seeleoparden statt der erwarteten Pinguinreste nur riesige Stücke von Robbenfleisch gefunden zu haben. Ein von uns für parasitologische Untersuchungen zerlegtes, etwa 3,5 m langes Exemplar zeigte ähnliche, nicht gerade beruhigende Befunde. Und die vom Seeleoparden erbeuteten Robben sind wesentlich größer als ich ... Inzwischen wurde der tödliche Unfall einer engli­schen Schnorchlerin gemeldet, die in Ro­thera von einem Seeleoparden attackiert wurde. Doch das geschah erst nach meinem Abenteuer mit „Leo“!

 Immer enger werden seine Kreise. Fotografieren kann ich ihn nicht. Die Kamera ist auf nächste Nähe eingestellt. Eins seiner großen Augen bekäme ich aufs Bild, doch der Film ist ja schon verschossen. Kamera und Kescher nehme ich in eine Hand, mit der anderen bekomme ich das Messer unter Mühen aus der Scheide gezogen. Ich gebe das Notsignal: 5 Züge an der Leine! Hans zieht Leine ein. Keine drei Meter entfernt streckt Leo seinen riesigen Kopf aus dem Wasser und sieht zu mir herüber. Nur unter dem Treibeis komme ich wieder ans Ufer zurück. Nun versuche ich, zwischen den Eisschollen wieder nach unten zu kommen. Es ist zu viel Luft im Anzug. Wild strampeln dabei meine Beine über dem Eis in der Luft. Da Leo auch abgetaucht ist, vermutet Hans, er hätte mich schon beim Wickel. Wie mir Hans später erzählt, kreisten schon Möwen über der Szenerie, deren Schwarm sich ständig vergrößerte. Sie rochen offensichtlich den Braten! Die Leine hat sich um meine Beine gewickelt. Ich versuche, sie wieder in eine vernünftige Lage zu bringen, um nicht mit den Füßen voran durchs Wasser gezogen zu werden. Der Seeleopard zieht immer engere Kreise. Inzwischen hat er sich fast auf Tuchfühlung genähert.

Ich stoße mein Messer in Richtung eines Auges. Ich will ihn beileibe nicht verletzen, möglicherweise einen Angriff provozieren, nein, nur zeigen, dass ich mich auch wehren kann. Er kneift das Auge vor meiner Messerspitze zu und zuckt ein Stück zurück, will nicht getroffen werden. Immer heftiger atme ich. Meine Atemluft geht zur Neige. Ich öffne die Reserve. Die zunehmend entleerten und damit leichter werdenden Pressluftflaschen ziehen mich nach oben. Ich habe keine Hand zum Austarieren frei, kann das Auslassventil nicht bedienen und dadurch den Anzug nicht entlüften. Nur so würde ich wieder absinken. Verzweifelt kämpfe ich mit dem Auftrieb. Sowie ich in Oberflächennähe gerate, nimmt mir das Treibeis jede Sicht, dann kann ich die schwarze gefleckte Gestalt nicht mehr sehen. Mein Atmen wird schwieriger. Ich brauche immer mehr und bekomme immer weniger Luft. Die Reserve versiegt, die Tauchflaschen sind leer. Ich jongliere meinen Kopf durch die Eisschollen, reiße mir die Maske vom Gesicht und brülle Hans ein „Rausziehen“ zu. Hans zieht mich im Schneckentempo zum Ufer.
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Die Funker arbeiten mit unserm Aerologen in der Nähe an den Antennen. Auch der Stationschef Janes kommt zufällig des Weges. Hans schreit um Hilfe: „Pomogij!“ Die Russen werden aufmerksam, unterbrechen ihre Arbeit und kommen langsam angeschlendert. Endlich begreifen sie, dass mein Kollege es ernst meint, und helfen Hans. Wie wild ziehen sie mich an der Leine aus dem Wasser. Das heißt, da die Leine unter dem Treibeis hindurchgeht, werde ich immer wieder unter Wasser gezogen. Mit leergeatmetem Tauchgerät und ohne Maske unter dem Eis muss ich versuchen, solange ich es aushalte, ohne Atmen auszukommen. Dann geht es nicht mehr, mit Mühe kann ich mich zwischen den Schollen hindurch an die Luft arbeiten und Stopp brüllen. Ich habe Wasser geschluckt und bin wahrscheinlich nahe an einem Stimmritzenkrampf, vor dem ich einen heillosen Respekt besitze. Einmal daran fast erstickt hat mir gereicht! Doch ich überlege, dass Seewasser in der Lunge vielleicht physiologisch nicht so sehr gefährlich sein mag und unser Arzt mir vielleicht wieder auf die Beine helfen kann.

Ich gebe ein Zeichen und tauche unter. Die Zieherei geht weiter. Immer wieder muss ich Stopp signalisieren, weil ich unter das Eis gezogen werde. Immer wieder schlucke ich Wasser. Eine Flosse rutscht mir vom Fuß, und als ich danach greifen will, verliere ich auch meine über den Arm gehängte Kamera. Ohne Maske sehe ich weder verlorene Kamera, noch abgerutschte Flosse. Unter mir zieht sicher Leo irgendwo seine Kreise, die immer enger werden. Ich bemerke davon nichts - kann es nur vermuten. Das Eis bremst stark, ich komme kaum vorwärts. Endlich ertaste ich mit meiner verbliebenen Flosse Grund. Noch ein Stückchen und ich kann stehen. Mich vom Boden abstoßend unterstütze ich die Zugbewe­gung, indem ich mich gegen das Eis schiebe. Dicht neben mir reckt sich ein klosettdeckelgroßer, runder, schwarzer Kopf aus dem Wasser. Mit seiner weit unter seine Augen reichenden, geschlossenen aber deutlich sichtbaren Maulspalte scheint Leo mich anzugrinsen. Noch 15, dann nur noch 10 Meter. Endlich durchpflüge ich den knietiefen Eismatsch am Ufer.
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Die Kollegen ziehen mich aus dem Wasser. Wollen mich herausziehen. Ich bin zu schwer! Tauchgerät, Bleigurt, Fußgewichte. Die Taucherleine hat alles zu einem scheinbar unentwirrbaren Knäuel verfitzt. Mich in der Eissuppe wälzend versuche ich, die Gerätschaften abzulegen. Hans nimmt mir kopfschüttelnd den sogar noch einigermaßen gefüllten Sammelkescher aus der Hand. Mit einer Schnur hatte ich ihn am Handgelenk festgebunden und deshalb nicht verloren. Ich keuche ihm zu, dass nur meine Luft zu Ende und kein Seeleopard im Spiel war. Er scheint mich sofort zu verstehen; denn er ahnt, niemals würde uns der Stationschef wieder tauchen lassen, erführe er den wahren Sachverhalt. Bis auf Hans hatte niemand mitbekommen, was eigentlich geschehen war. Nur er hatte den Seeleoparden bemerkt und sich seinen Reim darauf gemacht. Er war kurz vor dem Verzweifeln und sah Rita schon als Witwe.
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Kurzbiografie

Geboren 1934 in Berlin. Nach dem Abitur Studium von Pädagogik, Biologie und Binnenfischerei. Promotion. Leitung der „Arbeitsgemeinschaft für Unterwasserforschung“ bei der „Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin“. 1980-1982 und 1984-1986 Taucherarbeiten während seiner Überwinterung auf der Antarktisstation Bellingshausen. Danach wissenschaftlicher Mitarbeiter in der „Forschungsstelle für Wirbeltierforschung“ der Akademie. Nach der Wende am „Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung“. Bis Ende 2004 Teilnahme an zahlreichen biologischen Expeditionen und Arbeit in beiden Polargebieten.

 


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